Ökobilanz in der frühen Planungsphase: Was in LP 2 und 3 möglich ist

Viele Entscheidungen über die grauen Emissionen eines Gebäudes fallen in Vorplanung und Entwurf. Der Artikel zeigt, wie Sie schon in LP 2 und 3 mit groben Aufbauten eine aussagekräftige Ökobilanz erstellen und die Daten bis zum Nachweis weiterverwenden.

Ökobilanz-Auswertung in CircularLCA am Laptop

Viele Entscheidungen, die das Treibhauspotenzial eines Gebäudes prägen, fallen lange bevor Ausführungsdetails feststehen: Tragwerkssystem, Bauweise, Kubatur, Umgang mit dem Bestand. Trotzdem wird die Ökobilanz in vielen Projekten erst gerechnet, wenn ein Nachweis für eine Zertifizierung oder Förderung fällig ist. Eine Ökobilanz in der frühen Planungsphase kehrt diese Reihenfolge um.

Dieser Artikel zeigt, welche Datengrundlage in den Leistungsphasen 2 und 3 typischerweise vorliegt, wie Sie daraus belastbare Tendenzaussagen ableiten und wie Sie die Daten bis zum späteren Nachweis weiterverwenden – ohne neu zu modellieren.

Warum die Ökobilanz in der frühen Planungsphase ansetzen sollte

Eine Gebäude-Ökobilanz nach DIN EN 15978 bewertet die Umweltwirkungen über den gesamten Lebenszyklus: von der Herstellung der Baustoffe (Module A1–A3) über Errichtung und Nutzung – etwa den Austausch von Bauteilen (B4) und die Betriebsenergie (B6) – bis zu Rückbau und Entsorgung (C1–C4). Die Umweltdaten stammen aus der ÖKOBAUDAT und aus Umweltproduktdeklarationen (EPDs) nach DIN EN 15804.

Bei energieeffizienten Neubauten macht die Herstellung der Baustoffe einen großen Teil der Lebenszyklus-Emissionen aus. Diese grauen Emissionen hängen unmittelbar von Entscheidungen ab, die in Vorplanung und Entwurf getroffen werden. Wird erst spät bilanziert, lässt sich am Ergebnis oft nur noch wenig ändern.

Früh gerechnet, wird die Ökobilanz vom Nachweisinstrument zum Planungswerkzeug:

  • Bauweisen und Tragwerksvarianten lassen sich vergleichen, solange sie noch offen sind.
  • Bauherren erhalten eine nachvollziehbare Grundlage für Richtungsentscheidungen.
  • Anforderungen aus DGNB, QNG, BNB, EU-Taxonomie oder der Ökobilanz-Pflicht nach GModG werden früh sichtbar statt erst kurz vor der Einreichung.

Welche Datengrundlage in LP 2 und 3 vorliegt

Leistungsphase 2: Vorplanung

In der Vorplanung liegen meist Kubatur, Flächen und ein grundsätzliches Konstruktionsprinzip vor. Detaillierte Schichtaufbauten fehlen dagegen häufig noch. Für eine erste Bilanz reicht das, wenn Sie mit groben, typischen Aufbauten arbeiten – zum Beispiel einer Außenwand aus Stahlbeton mit Wärmedämmung oder einer Geschossdecke in Holzbauweise.

Die Mengen können aus einem frühen Massenmodell oder aus einer tabellarischen Bauteilliste kommen. CircularLCA importiert neben IFC- und Revit-Modellen auch Excel-Bauteillisten, ausdrücklich auch mit groben Aufbauten in frühen Leistungsphasen.

Leistungsphase 3: Entwurfsplanung

Im Entwurf werden die Aufbauten konkreter, Bauteile sind differenzierter angelegt, und viele Büros arbeiten bereits mit einem BIM-Modell. Hier bietet sich der Import aus IFC oder aus Revit über das auxalia ParameterTool an. Die importierten Bauteile bzw. Schichten werden in der Software als Objekte geführt und anschließend mit Bauprodukten oder Komponenten verknüpft.

Planungsstand Typische Datengrundlage Import Geeignete Fragestellungen
LP 2 – Vorplanung Kubatur, Flächen, Konstruktionsprinzip, grobe Aufbauten Excel-Bauteilliste oder frühes Modell (IFC, Revit) Bauweisen vergleichen, Größenordnung der grauen Emissionen einschätzen
LP 3 – Entwurfsplanung Differenzierte Bauteile, konkretere Schichtaufbauten, häufig BIM-Modell IFC oder Revit (auxalia ParameterTool) Aufbauten und Baustoffe optimieren, Hotspots erkennen, Anforderungen abgleichen

Vom groben Aufbau zur ersten Bilanz: der Workflow

Der Ablauf ist in beiden Leistungsphasen grundsätzlich gleich. Unterschiedlich ist vor allem der Detaillierungsgrad der verknüpften Aufbauten.

  1. Daten importieren: Sie laden Modell oder Bauteilliste als Quelldatei in das Gebäude hoch. Alle Auswertungen, das Inventar und die Exporte basieren auf den konform verknüpften Objekten der aktiven Dateien. So können Sie ältere Planstände deaktivieren, ohne sie zu löschen.
  2. Objekte verknüpfen: Im Mapping-Editor für die Produktverknüpfung ordnen Sie die Objekte Bauprodukten oder Komponenten zu. Die Produktsuche arbeitet mit Volltextsuche und bezieht unter anderem EPD-Namen, Material und Kostengruppen nach DIN 276 ein. KI-Vorschläge unterstützen die Auswahl, die endgültige Verknüpfung treffen Sie selbst.
  3. Aufbauten als Komponenten abbilden: Mehrschichtige Bauteile wie Wand-, Decken- oder Dachaufbauten legen Sie als Komponente aus mehreren Bauprodukten an – mit Schichten und Lebensdauern. Einmal angelegt, lassen sie sich in weiteren Projekten wiederverwenden.
  4. Regelwerk wählen und auswerten: Die Auswertungen basieren auf dem Regelwerk, das in der Kopfzeile des Gebäudes ausgewählt ist. Ergebnisse stehen als Dashboard, in Detailansichten und im Inventar zur Verfügung.

Mit wenig Aufwand viele Objekte zuordnen

Gerade in frühen Phasen gilt für viele Objekte dieselbe Verknüpfung. Im Mapping-Editor können Sie Objekte filtern, sortieren und nach Eigenschaften gruppieren – etwa nach Bauteiltyp oder Material – und ganze Gruppen auf einmal verknüpfen. Ergänzend gibt es das regelbasierte Verknüpfen (Beta), bei dem Regeln aus Objekteigenschaft, Vergleichsoperator und Wert auf alle Objekte angewendet werden.

Was frühe Ergebnisse leisten – und wo ihre Grenzen liegen

Eine Bilanz auf Basis grober Aufbauten ist keine Nachweisrechnung. Ihre Stärke liegt in relativen Aussagen: Welche Bauweise schneidet besser ab? Welche Bauteilgruppe dominiert das Ergebnis? Absolute Werte können sich mit fortschreitender Planung noch verschieben, wenn Aufbauten präzisiert oder Mengen angepasst werden.

Damit frühe Ergebnisse belastbar bleiben, sollten Sie einige Punkte im Blick behalten:

  • Vollständigkeit der Zuordnung: Prüfen Sie, ob alle relevanten Objekte verknüpft sind. Die Vollständigkeit der Zuordnung wird in der Auswertung angezeigt.
  • Referenzeinheiten und Mengen: Passt die Referenzeinheit eines Datensatzes nicht zur Dimension des Objekts oder fehlen Mengenangaben im Modell, kann das Treibhauspotenzial einer Verknüpfung null betragen. Solche Fälle sollten Sie gezielt prüfen.
  • Fehlzuordnungen: Kontrollieren Sie vor der Auswertung stichprobenartig, ob etwa Innen- und Außenbauteile richtig zugeordnet sind.
  • Datenqualität: Die Hotspot-Analyse weist einen Datenqualitätsindex (DQI) aus, der hilft, die Aussagekraft einzuschätzen.
  • Annahmen dokumentieren: Halten Sie fest, welche Aufbauten als Platzhalter dienen. Das erleichtert die spätere Präzisierung.

Varianten und Hotspots als Entscheidungsgrundlage

Ihren größten Nutzen entfaltet die frühe Bilanz, wenn Sie Alternativen nebeneinanderstellen. Mit dem Variantenvergleich in CircularLCA fassen Sie verknüpfte Objekte aus unterschiedlichen Dateien zu Varianten zusammen und vergleichen Massen, graue Emissionen und Zirkularität. Unterschiede zur Basisvariante werden farblich hervorgehoben. Das funktioniert auch mit groben Aufbauten im Entwurf – Voraussetzung ist, dass für alle auszuwertenden Objekte Produktverknüpfungen bestehen.

Die Hotspot-Analyse zeigt ergänzend, welche Lebenszyklusphasen und Datensätze den größten Anteil am Treibhauspotenzial haben, unter anderem mit 80-%-Schwelle und EPD-Rangfolge. So konzentrieren Sie die Optimierung in LP 3 auf die Bauteile, die das Ergebnis tatsächlich bestimmen. Beide Funktionen behandeln wir ausführlich in eigenen Fachartikeln.

Datenkontinuität: von der frühen Bilanz zum Nachweis

Eine frühe Ökobilanz lohnt sich besonders, wenn ihre Daten nicht verloren gehen. In CircularLCA bleibt das Gebäude mit seinen Verknüpfungen bestehen, während die Planung fortschreitet:

  • Automapping: Laden Sie einen neuen Planstand in dasselbe Gebäude, können Verknüpfungen aus anderen Dateien automatisch übernommen werden – auf Basis übereinstimmender Felder wie Name, Material oder IFC Global ID. Die Funktion lässt sich in den Gebäudeeinstellungen aktivieren.
  • Mehrere Umweltdatensätze je Bauprodukt: Ein Bauprodukt kann mehrere Umweltdatensätze enthalten. So lässt sich dasselbe Bauprodukt für unterschiedliche Zertifizierungen nutzen, wenn diese verschiedene Anforderungen an die EPDs stellen.
  • Nachvollziehbare Stände: Der Snapshot Manager speichert Zustände der Verknüpfungen; das letzte Mapping lässt sich per Undo rückgängig machen.
  • Weiterverwendung der Daten: Aus demselben Gebäudemodell entstehen später auch Lebenszykluskosten, Zirkularitätsbewertung (CPX) und Gebäuderessourcenpass.

Das Inventar bündelt alle verknüpften Objekte mit den berechneten Werten und lässt sich als Excel oder CSV exportieren – nützlich, um frühe Annahmen mit dem Fachplanungsteam abzustimmen. Einen Überblick über alle Bausteine der Gebäude-Ökobilanz mit CircularLCA finden Sie auf der Produktseite.

Praxistipps für LP 2 und 3

  • Typische Aufbauten vorhalten: Legen Sie häufig genutzte Wand-, Decken- und Dachaufbauten als Komponenten an. In der Vorplanung genügt dann die Zuordnung statt eines neuen Aufbaus.
  • Modell konsistent benennen: Einheitliche Bauteilnamen und Materialangaben erleichtern Filter, Gruppierung und Automapping.
  • Regelwerk früh festlegen: Wählen Sie das voraussichtlich relevante Regelwerk von Beginn an, damit die Ergebnisse zum späteren Nachweis passen.
  • Bestand mitdenken: Bei Umbau und Erweiterung lassen sich Bestandsbauteile in der Ökobilanz berücksichtigen – oft eine der wirksamsten frühen Entscheidungen.
  • Betrieb ergänzen: Über den Rechner für Betriebsemissionen (B6) ergänzen Sie den Energiebedarf im Betrieb, um graue und betriebliche Emissionen gemeinsam zu betrachten.

Fazit

Schon in LP 2 und 3 ist eine aussagekräftige Ökobilanz möglich – mit groben Aufbauten, Excel-Bauteillisten oder einem frühen BIM-Modell. Entscheidend ist, die Ergebnisse als Tendenzaussagen zu verstehen, Annahmen zu dokumentieren und die Daten konsequent bis zum Nachweis fortzuschreiben.

Wenn Sie sehen möchten, wie eine vollständige Gebäude-Ökobilanz in der Software aufgebaut ist, können Sie CircularLCA kostenlos testen: Der Testzugang enthält ein vollständig bilanziertes Demo-Gebäude. Für die Arbeit an eigenen Projekten vereinbaren Sie gern eine persönliche Demo. Einen Einstieg bieten außerdem unsere kostenlosen Webinare zu CircularLCA.

Häufige Fragen

Ist eine Ökobilanz in LP 2 schon sinnvoll, obwohl Aufbauten noch fehlen?

Ja, für relative Aussagen wie den Vergleich von Bauweisen. Mit groben, typischen Aufbauten lässt sich die Größenordnung der grauen Emissionen einschätzen. Absolute Werte können sich mit fortschreitender Planung noch verändern.

Brauche ich für eine frühe Ökobilanz ein BIM-Modell?

Nein. CircularLCA importiert neben IFC- und Revit-Modellen (über das auxalia ParameterTool) auch Excel-Bauteillisten, auch mit groben Aufbauten in frühen Leistungsphasen.

Muss ich die Verknüpfungen bei jedem neuen Planstand neu anlegen?

Nicht unbedingt. Mit dem Automapping können Verknüpfungen aus anderen Dateien desselben Gebäudes automatisch übernommen werden, auf Basis übereinstimmender Felder wie Name, Material oder IFC Global ID. Die Funktion wird in den Gebäudeeinstellungen aktiviert.

Kann ich im kostenlosen Testzugang mein eigenes Projekt bilanzieren?

Nein. Der Testzugang enthält ausschließlich ein vollständig bilanziertes Demo-Gebäude. Für eigene Projekte benötigen Sie eine Lizenz oder vereinbaren eine persönliche Demo.

Woran erkenne ich, ob meine frühe Bilanz vollständig ist?

Die Vollständigkeit der Zuordnung wird in der Auswertung angezeigt. Zusätzlich sollten Sie Verknüpfungen mit einem Treibhauspotenzial von null prüfen, da hier oft Referenzeinheit oder Mengenangaben nicht passen.

Starten Sie Ihre erste Ökobilanz noch heute